Zurück blickend kann ich gar nicht mehr sagen, was denn nun der Klinikaufenthalt für meine seelische Verfassung getan hatte oder nicht getan hatte. Ich sprach über meine Kindheit, meine Jugend, meine zeit als Heranwachsender und entdeckte gemeinsam mit einem Psychologen eigentlich nur, dass die bisher vergangene Zeit bis jetzt ein einziger Kampf für mich gewesen waren, meine Unsicherheit in den Griff zu bekommen, was aber nie wirklich möglich war, weil mir nichts und niemand Sicherheit gegeben hatte. Hinzu kamen Zweifel an meiner Person, die so gravierend waren, dass ich keine Ahnung mehr hatte, wer ich war und was ich überhaupt hier sollte. Alles in allem also Schöne Aussichten!
Nach zwei Monaten in der Anstalt bewegte ich mich relativ frei und gelassen zwischen all den Hirnis und Aufpassern. Ich machte wie gehabt meine Entspannungsübungen, malte fleißig irgendwelche Bildchen, die hinterher analysiert und interpretiert wurden, ich quakte in der Gruppe über meine Belange, die, verglichen mit den anderen, aber einen ebenso großen Stellwert bekommen hatte. Nachmittags hockte ich im Apartment, dudelte auf der Gitarre und dachte an Karin, die mich auf einen heiklen Weg geschickt hatte, einen Weg voller Fragezeichen. Sobald ich angefangen hatte mal richtig nachzudenken, kam eigentlich nur eines ans Tageslicht, dass niemand, kein einziger Mensch auf dieser gesamten runden Kugel von irgendetwas irgendeine Ahnung hat. Keiner kann dir tatsächlich sagen, was das hier denn alles soll, aber alle haben sie ihre dämlichen Ratschläge parat, die dich nur noch mehr zweifeln lassen.
Jedenfalls sollte ich nach zwei Monaten eine Urlaub antreten, eigentlich war es mehr ein Test, ob ich in der "Freiheit" wieder finktionieren würde; ich sollte nach hause fahren, für ein Wochenende und mich am Sonntagabend zurück melden für den letzten Monat.
Also packte ich eine Tasche zusammen und fuhr mit dem Zug in meine Heimatstadt. Zuerst wusste ich nicht recht, wohin ich gehen sollte, besuchte dann aber erstmal meine Eltern. Schon als ich an der Tür stand und meinet Mutter mir öffnete, ging das Geheule wieder los.
"Ach, mein Junge? Wie geht es dir? Hast du Hunger? Komm´ rein!" sagte sie und ging voraus. Eigentlich wollte ich sie umarmen, aber ich hatte begriffen, dass meine Mutter nicht eben die offenherzige Frau war und ließ sie gehen. Ich hängte meine Jacke an die Garderobe und fragte:
"Ist er auch da?"
Mir "er" meinte ich natürlich meinen Vater. Er saß im Wohnzimmer unglotzte wie immer in die Röhre, den Sportsender in einer elenden Lautstärke. Auch er begrüßte mich nicht gerade herzlich, stand nicht mal auf, sondern griff zur Fernbedienung und machte noch lauter, als wollte er meinen Schieß nicht hören, wobei ich noch nicht mal vorgehabt hatte ihm irgendwas von meinem Aufenthalt zu erzählen, Er konnte ganz beruhigt seine Sportsendung schauen. Bis auf ein kurzes "Wie geht´ s?" kam auch sonst nicht viel.
Wir saßen dann am Tisch und aßen etwas zusammen, redeten nicht viel, nur über die Zukunft und was ich denn nun machen wolle.
"Vielleicht gehe ich weg!" meinte ich, " also in eine andere Stadt!"
"Und wohin?" fragte mein Alter und stopfte sich den Mund mit Schmalzbrot voll.
"Wahrscheinlich Berlin!" sagte ich.
"Einfach so? Du brauchst doch ´ne Wohnug, einen Job. Vonwas willst du das denn bezahlen?"
"Ich finde schon was! Aber ich muss hier raus. Ich kann die ganzen Leute nicht mehr sehen. Die Musik geht mir auf die Nerven. Alle reden immer nur von Erfolg und Berühmtheit. Mich kotzt das an!"
"Kann ich verstehen!" sagte er, " aber die haben wenigstens Ehrgeiz, die legen sich ins Zeug; du... du hast doch noch nichts geleistet!"
"Nichts geleistet?" fragte ich mit etwas lauterer Stimme, " ich arbeite seit meinem 14. Lebensjahr, habe eine abgeschlossene Ausbildung, habe zwei Jahre in einem Drei-Schichten- Betrieb malocht, morgens, mittags, abends; ich habe etliche Jobs gemacht, auf dem Bau, sonst wo und dann habe ich meinen Realschulabschluß nachgemacht und mein Abitur. Willst du mir sagen, ich habe noch nichts geleistet mit meinen fünfundzwanzig Jahren?"
"Reg´ dich doch nicht auf. So habe ich es nicht gemeint. Ich meinte, du hast noch nichts erreicht mit deinem ganzen Kram. Was bringt dir denn das Abitur? Du wisst doch gar nicht, was du studieren willst? Wozu das alles? Ich meine, du musst mal etwas auf die Beine stellen...!"
"So wie du, was?" fragte ich, " Als Kraftfahrer umher kutschieren und ansonsten
rumbrüllen? Was ist denn das?"
"Du hast doch keine Ahnung!" prahlte er.
"Sicher, sicher, aber du, was?"
"Ich will jetzt die Sportschau kucken, also bitte!"
Er stand auf vom Tisch, schmiss sein Messer hin und trabte ins Wohnzimmer zu seiner geliebten Glotze, der alte Sack, der wollte mir sagen, ich habe nichts geleistet? Ich hätte ihm in diesem Moment gern eins in die Fresse gegeben, traute mich aber nicht. Erstmal war ich überhaupt kein Schläger und außerdem war mein alter Herr war Mittelgewichtsmeister im Boxen gewesen. Der hätte mich damals mit einem Hieb umgehauen.
Früher, als ich etwas acht Jahre alt war, nahm er mich immer mit zum Training und Boytraining ist mit das Schlauchenste was es so gibt: Springseil für die Kondition, Sandsack boxen, Liegestützen usw. Ich konnte immer nie meine Arme hinterher gewegen, ich kleiner Bursche.
Ich verabschiedete mich von meiner Mutter, rief irgenwas ins Wohnzimmer und machte, dass ich da wegkam. Ich fuhr dann in meine Bude, wo es erbärmlich stank, dass ich alle Fenster aufreißen musste. Dann hockte ich mich ans Telefon und rief Anna an, die Kleine aus dem Cafe, diesen Paradiesvogel mit ihren bunten Klamotten, vielleicht würde die mich ja etwas aufheitern können, wenn sie überhaupt Zeit für mich hatte?
...
Nach zwei Monaten in der Anstalt bewegte ich mich relativ frei und gelassen zwischen all den Hirnis und Aufpassern. Ich machte wie gehabt meine Entspannungsübungen, malte fleißig irgendwelche Bildchen, die hinterher analysiert und interpretiert wurden, ich quakte in der Gruppe über meine Belange, die, verglichen mit den anderen, aber einen ebenso großen Stellwert bekommen hatte. Nachmittags hockte ich im Apartment, dudelte auf der Gitarre und dachte an Karin, die mich auf einen heiklen Weg geschickt hatte, einen Weg voller Fragezeichen. Sobald ich angefangen hatte mal richtig nachzudenken, kam eigentlich nur eines ans Tageslicht, dass niemand, kein einziger Mensch auf dieser gesamten runden Kugel von irgendetwas irgendeine Ahnung hat. Keiner kann dir tatsächlich sagen, was das hier denn alles soll, aber alle haben sie ihre dämlichen Ratschläge parat, die dich nur noch mehr zweifeln lassen.
Jedenfalls sollte ich nach zwei Monaten eine Urlaub antreten, eigentlich war es mehr ein Test, ob ich in der "Freiheit" wieder finktionieren würde; ich sollte nach hause fahren, für ein Wochenende und mich am Sonntagabend zurück melden für den letzten Monat.
Also packte ich eine Tasche zusammen und fuhr mit dem Zug in meine Heimatstadt. Zuerst wusste ich nicht recht, wohin ich gehen sollte, besuchte dann aber erstmal meine Eltern. Schon als ich an der Tür stand und meinet Mutter mir öffnete, ging das Geheule wieder los.
"Ach, mein Junge? Wie geht es dir? Hast du Hunger? Komm´ rein!" sagte sie und ging voraus. Eigentlich wollte ich sie umarmen, aber ich hatte begriffen, dass meine Mutter nicht eben die offenherzige Frau war und ließ sie gehen. Ich hängte meine Jacke an die Garderobe und fragte:
"Ist er auch da?"
Mir "er" meinte ich natürlich meinen Vater. Er saß im Wohnzimmer unglotzte wie immer in die Röhre, den Sportsender in einer elenden Lautstärke. Auch er begrüßte mich nicht gerade herzlich, stand nicht mal auf, sondern griff zur Fernbedienung und machte noch lauter, als wollte er meinen Schieß nicht hören, wobei ich noch nicht mal vorgehabt hatte ihm irgendwas von meinem Aufenthalt zu erzählen, Er konnte ganz beruhigt seine Sportsendung schauen. Bis auf ein kurzes "Wie geht´ s?" kam auch sonst nicht viel.
Wir saßen dann am Tisch und aßen etwas zusammen, redeten nicht viel, nur über die Zukunft und was ich denn nun machen wolle.
"Vielleicht gehe ich weg!" meinte ich, " also in eine andere Stadt!"
"Und wohin?" fragte mein Alter und stopfte sich den Mund mit Schmalzbrot voll.
"Wahrscheinlich Berlin!" sagte ich.
"Einfach so? Du brauchst doch ´ne Wohnug, einen Job. Vonwas willst du das denn bezahlen?"
"Ich finde schon was! Aber ich muss hier raus. Ich kann die ganzen Leute nicht mehr sehen. Die Musik geht mir auf die Nerven. Alle reden immer nur von Erfolg und Berühmtheit. Mich kotzt das an!"
"Kann ich verstehen!" sagte er, " aber die haben wenigstens Ehrgeiz, die legen sich ins Zeug; du... du hast doch noch nichts geleistet!"
"Nichts geleistet?" fragte ich mit etwas lauterer Stimme, " ich arbeite seit meinem 14. Lebensjahr, habe eine abgeschlossene Ausbildung, habe zwei Jahre in einem Drei-Schichten- Betrieb malocht, morgens, mittags, abends; ich habe etliche Jobs gemacht, auf dem Bau, sonst wo und dann habe ich meinen Realschulabschluß nachgemacht und mein Abitur. Willst du mir sagen, ich habe noch nichts geleistet mit meinen fünfundzwanzig Jahren?"
"Reg´ dich doch nicht auf. So habe ich es nicht gemeint. Ich meinte, du hast noch nichts erreicht mit deinem ganzen Kram. Was bringt dir denn das Abitur? Du wisst doch gar nicht, was du studieren willst? Wozu das alles? Ich meine, du musst mal etwas auf die Beine stellen...!"
"So wie du, was?" fragte ich, " Als Kraftfahrer umher kutschieren und ansonsten
rumbrüllen? Was ist denn das?"
"Du hast doch keine Ahnung!" prahlte er.
"Sicher, sicher, aber du, was?"
"Ich will jetzt die Sportschau kucken, also bitte!"
Er stand auf vom Tisch, schmiss sein Messer hin und trabte ins Wohnzimmer zu seiner geliebten Glotze, der alte Sack, der wollte mir sagen, ich habe nichts geleistet? Ich hätte ihm in diesem Moment gern eins in die Fresse gegeben, traute mich aber nicht. Erstmal war ich überhaupt kein Schläger und außerdem war mein alter Herr war Mittelgewichtsmeister im Boxen gewesen. Der hätte mich damals mit einem Hieb umgehauen.
Früher, als ich etwas acht Jahre alt war, nahm er mich immer mit zum Training und Boytraining ist mit das Schlauchenste was es so gibt: Springseil für die Kondition, Sandsack boxen, Liegestützen usw. Ich konnte immer nie meine Arme hinterher gewegen, ich kleiner Bursche.
Ich verabschiedete mich von meiner Mutter, rief irgenwas ins Wohnzimmer und machte, dass ich da wegkam. Ich fuhr dann in meine Bude, wo es erbärmlich stank, dass ich alle Fenster aufreißen musste. Dann hockte ich mich ans Telefon und rief Anna an, die Kleine aus dem Cafe, diesen Paradiesvogel mit ihren bunten Klamotten, vielleicht würde die mich ja etwas aufheitern können, wenn sie überhaupt Zeit für mich hatte?
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