"Ich hab´nicht viel Zeit jetzt!" behauptete sie und trat etwas zur Seite, legte ihren Ellenbogen auf den Tresen und stellte sich seitwärts zu mir.
"Kein Problem!" meinte ich und nahm einen kräftigen Schluck von meinem Bier. Ich hatte seit Tagen keinen Alkohol mehr getrunken und war ganz versessen auf eine kleine Dröhnung.
"Aber nach Feierabend können wir ja noch ´n bißchen quatschen, was?" sagte sie und schlürfte an ihrem Sekt. Anna trank eigentlich immer Sekt, es sei denn sie wollte sich richtig besaufen, dann griff sie auch schon mal zu Bier, was sie meist in meiner Gegenwart getan hatte. Vielleicht ertrug man mich ja nur völlig besoffen?
"Ist gut, " sagte ich.
Anna trank ihr Glas leer, ging hinter den Tresen, wobei sie Richard, den Besitzer, etwas beiseite stieß, um sich Platz zu verschaffen, dann schaute sie nochmals zu mir, grinste seltsam, hob die Schultern etwas an, als freue sie sich über irgendwas und verschwand in der Küche.
Ich saß gelangweilt am Tresen und schaute mich um. Im Cafe war ein heilloses Durcheinander, wie immer eigentlich. Ein Kellner, der aussah, als käme er eben aus Indien von seinem Baghwan-Trip zurück, sauste mit Tabletts durch die Stühle, die so dicht beieinander standen, dass er immer wieder den Leutchen in den Rücken rempelte oder sich zwischen zwei Stuhllehnen hindurch drängte, indem er seinen schmalen Arsch vorwärts schob und sich fast im Kreise drehte. Er trug ein idiotisches Gewand in diesem Rot oder Orange, keine Ahnung. Um den Hals trug er diese Malakette mit dem Abbild des Heiligen aus den Slums da unten. Obwohl die ja wahrlich nicht in den Slums hausten, sondern abseits aller Hungerei und Armut in einem eigens geschaffenen Paradies. An den Füßen trug er nur Sandalen, die typischen Jesus Latschen eben. Er war dünn, hatte ein hübsches Gesicht und bei anderer Kleidung wäre er sicher als Model oder sowas durchgegangen. Sein Haar war natürlich lang und wedelte die ihm im Gesicht herum.
"Wo habt ihr denn den aufgegabelt?" fragte ich Richard, der mich noch gar nicht bemerkt hatte.
"Huch! Max? Hab´ dich gar nicht gesehen! Wie geht´s dir? Alles klar? Ach den? Der kam irgendwann hier vorbei und fragte nach ´nem Job. Wir kriegen ja kaum noch Leute und da haben wir ihn eingestellt. Er arbeitet für Essen und Unterkunft, schläft in der alten Kegelbahn hinten. Da hat er sich ein Lager gebaut und murmelt täglich irgendeine Scheiße vor sich hin. Manchmal ist er schon nervig, aber ansonsten fleißig. Und natürlich billig. Ben kauft ihm ab und an mal was zu futtern, weil der immer nur so Aldi- Scheiße frisst."
"Was macht Ben?" fragte ich und bestellte noch ein Bier. Ich stellte Richard das leere Glas auf den Tresen und machte so mit der Hand, er solle nochmal nachschenken.
"Ben? Der ist jetzt unter die Hausbesitzer gegangen!"
"Hausbesetzer?" fragte ich nach und nahm das volle Glas entgegen
"Nee, nee, Hausbesitzer. Er war ja Teilhaber hier bei mir. Wir hatten das Ding hier zu zweit aufgezogen, dann hatte er plötzlich keine Lust mehr zum Wirt, hat sich auszahlen lassen und wohnt nun in diesem Mehr-Familien-Haus. Vier Wohnungen gibt es da, vermietet hat er noch nichts. Ulla, seine neue Flamme, hat ihm diesen ganzen Scheiß eingeredet, so mit Haus kaufen, vermieten und dann von den Einnahmen leben. Kennst ja Ben, wenn der ´ne Alte an der Angel hat, reißt er sich immer ein Bein aus. Ist kaum noch zu sehen hier."
"Aha!" machte ich und blickte abermals in die Runde. Richard zapfte konzentriert ein Bier nach dem anderen, verfrachtete die Gläser allesamt auf Tabletts und ließ den Sannyasin laufen, dass die Sohlen Funken sprühten.
"Hast du mal Mara wieder gesehen?" fragte ich Richard, aber schon im gleichen Augenblick ging die quietschende Tür auf und da stand sie, Mara. Klein und zierlich, völlig in schwarze Klamotten gehüllt, als sei sie unter die Grufties gegangen und gaffte mich an wie ein Buschbaby, dem man mit einer hundert Watt Lampe in die Augen geleuchtet hatte.
Ich nickte ihr zu, bekam aber nicht mal einen stummen Gruß von ihr. Hinter ihr trat ein blonder Muskelmann ein und als sich Mara gleich wieder umdrehte, nachdem sie mich erblickt hatte, knallte sie gegen seinen Brustkorb. Der Typ glotzte nach unten zu Mara, fasste sie an die Schulter und ich sah, wie Mara irgendwas zu ihm sagte. Dann gaffte er auch noch zu mir hin, kniff die Augen zusammen und ich bekam langsam Angst, der Kerl wollte jetzt zu mir kommen und mich mal so richtig durch prügeln, weil ich Mara im Stich gelassen hatte. Obwohl ich sie nicht im Stich gelassen hatte. Ich wollte nur keine Familie oder eine enge, Beziehung zu einer Frau, na egal... es war bereits vergangen und vergessen, aber allem Anschein nach hegte Mara noch immer einen gewaltigen Hass gegen mich.
"Da ist sie doch!" sagte Richard nach einer kurzen Weile und zeigte mit dem Finger auf sie, doch sie drängelte sich an dem Muskelmann vorbei, der schlich ihr hinterher und raus waren sie.
"Ja, ja, hab´ich auch gesehen!" antwortete ich Richard, " aber die hat wohl keinen Bock auf so einen wie mich?"
"Na ja, die hat eure Geschichte ganz schön breit getreten hier. Ich glaube fast jeder weiß hier, was da zwischen euch gelaufen ist. Ist mir aber egal! Ich sage immer, es gibt zwei in einer Beziehung und somit nicht nur einen Schuldigen. Aber das mit der Abtreibung war ja auch wirklich nicht so pralle, was?"
"Nöö, sicher nicht. Aber ich war bei ihr, habe da Händchen gehalten und so."
"Ist klar!" sagte Richard und suchte den Inder oder was immer er war, außer Kellner.
"Und ich weiß auch ehrlich nicht, was ich da verbrochen haben sollte?" meinte ich.
" Ja, nichts. Was glaubst du wieviel Weiber denn schon eine Abtreibung hinter sich haben? Die soll sich mal nicht so anstellen! Ingrid hat zwei Mal abgetrieben und wir sind trotzdem noch zusammen, haben jetzt zehn Jahre auf dem Puckel!"
"Na klasse!" meinte ich etwas ironisch, weil ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte nochmals mit einer Frau zusammen zu sein, schon gar nicht über zehn Jahre, das kriege ich nur die Krise.
"Nee, echt! Das läuft gut zwischen uns!" redete Richard weiter, "Ingrid und ich wollen einfach keine Kinder, diese "Aletesäcke", diese unbeholfenen Winzlinge machen einen doch nur das Leben zu Hölle, ständig..."
"Ist gut Richard!" sagte ich, " ich will auch keine Kinder. Bis die groß sind kannst du nur malochen, um Verantwortung zu zeigen und deine gesamten Ambitionen auf Eis legen. Brauch´ich nicht!"
Wenn es um Kinder ging war man bei Richard immer an der richtigen Adresse, wenn man sich überzeugen lassen wollte, dass diese Halblinge die absolute Fehlkonstruktion waren. Jedes verdammte Tier, sagte er, kommt auf die Welt und ist schon beinahe ausgewachsen, nur die Menschenkinder brauchen Jahrhunderte bis sie mal allein auf´s Klo gehen können. Ich hatte aber keine Lust auf solche Diskussionen mit ihm und rutschte vom Stuhl runter.
"Ich geh´mal zu Anna, nach hinten, ja?"
"Ja, ja! Mach´man!" sagte er und grummelte sich irgendwas in den Bart. Ich verstand ihn aber nicht, weil ich bereits neben Anna stand und sie beobachtete wie sie einen Topf Suppe erhitzte, wie sie kleine Baguette-Brötchen aufbackte, mit Salat, Käse und Salami belegte und das alles recht flugs. Dann läutete sie ihre kleine Glocke, die oben auf einem fettigen Regal lag und schrie nach draußen, dass Tisch sowieso fertig sei.
"Ich hab´echt kaum Zeit!" sagte sie und war schon wiede dabei irgendein Brötchen aufzuschneiden und in den Backofen zu schieben.
"Ich habe keine Lust da draußen zu sitzen!" meinte ich, " ist mir zuviel Trubel eben. Kann ich nicht einfach hier bleiben? Wir brauchen ja gar nicht reden! Ich setz´mich da hin!" Ich zeigte auf einen Schemel, der an einer Wand stand, " und dann glotze ich einfach nur auf deine grünen Beine, wie die hin und her flitzten, ja?"
"Okay!" antwortete sie und lächelte, "aber nicht nerven!"
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