caspars Arbeiterleben

Mittwoch, 18. November 2009

149_ Die Plath´sche Glocke 19!




"Ich hab´nicht viel Zeit jetzt!" behauptete sie und trat etwas zur Seite, legte ihren Ellenbogen auf den Tresen und stellte sich seitwärts zu mir.

"Kein Problem!" meinte ich und nahm einen kräftigen Schluck von meinem Bier. Ich hatte seit Tagen keinen Alkohol mehr getrunken und war ganz versessen auf eine kleine Dröhnung.

"Aber nach Feierabend können wir ja noch ´n bißchen quatschen, was?" sagte sie und schlürfte an ihrem Sekt. Anna trank eigentlich immer Sekt, es sei denn sie wollte sich richtig besaufen, dann griff sie auch schon mal zu Bier, was sie meist in meiner Gegenwart getan hatte. Vielleicht ertrug man mich ja nur völlig besoffen?

"Ist gut, " sagte ich.

Anna trank ihr Glas leer, ging hinter den Tresen, wobei sie Richard, den Besitzer, etwas beiseite stieß, um sich Platz zu verschaffen, dann schaute sie nochmals zu mir, grinste seltsam, hob die Schultern etwas an, als freue sie sich über irgendwas und verschwand in der Küche.
Ich saß gelangweilt am Tresen und schaute mich um. Im Cafe war ein heilloses Durcheinander, wie immer eigentlich. Ein Kellner, der aussah, als käme er eben aus Indien von seinem Baghwan-Trip zurück, sauste mit Tabletts durch die Stühle, die so dicht beieinander standen, dass er immer wieder den Leutchen in den Rücken rempelte oder sich zwischen zwei Stuhllehnen hindurch drängte, indem er seinen schmalen Arsch vorwärts schob und sich fast im Kreise drehte. Er trug ein idiotisches Gewand in diesem Rot oder Orange, keine Ahnung. Um den Hals trug er diese Malakette mit dem Abbild des Heiligen aus den Slums da unten. Obwohl die ja wahrlich nicht in den Slums hausten, sondern abseits aller Hungerei und Armut in einem eigens geschaffenen Paradies. An den Füßen trug er nur Sandalen, die typischen Jesus Latschen eben. Er war dünn, hatte ein hübsches Gesicht und bei anderer Kleidung wäre er sicher als Model oder sowas durchgegangen. Sein Haar war natürlich lang und wedelte die ihm im Gesicht herum.

"Wo habt ihr denn den aufgegabelt?" fragte ich Richard, der mich noch gar nicht bemerkt hatte.

"Huch! Max? Hab´ dich gar nicht gesehen! Wie geht´s dir? Alles klar? Ach den? Der kam irgendwann hier vorbei und fragte nach ´nem Job. Wir kriegen ja kaum noch Leute und da haben wir ihn eingestellt. Er arbeitet für Essen und Unterkunft, schläft in der alten Kegelbahn hinten. Da hat er sich ein Lager gebaut und murmelt täglich irgendeine Scheiße vor sich hin. Manchmal ist er schon nervig, aber ansonsten fleißig. Und natürlich billig. Ben kauft ihm ab und an mal was zu futtern, weil der immer nur so Aldi- Scheiße frisst."

"Was macht Ben?" fragte ich und bestellte noch ein Bier. Ich stellte Richard das leere Glas auf den Tresen und machte so mit der Hand, er solle nochmal nachschenken.

"Ben? Der ist jetzt unter die Hausbesitzer gegangen!"

"Hausbesetzer?" fragte ich nach und nahm das volle Glas entgegen

"Nee, nee, Hausbesitzer. Er war ja Teilhaber hier bei mir. Wir hatten das Ding hier zu zweit aufgezogen, dann hatte er plötzlich keine Lust mehr zum Wirt, hat sich auszahlen lassen und wohnt nun in diesem Mehr-Familien-Haus. Vier Wohnungen gibt es da, vermietet hat er noch nichts. Ulla, seine neue Flamme, hat ihm diesen ganzen Scheiß eingeredet, so mit Haus kaufen, vermieten und dann von den Einnahmen leben. Kennst ja Ben, wenn der ´ne Alte an der Angel hat, reißt er sich immer ein Bein aus. Ist kaum noch zu sehen hier."

"Aha!" machte ich und blickte abermals in die Runde. Richard zapfte konzentriert ein Bier nach dem anderen, verfrachtete die Gläser allesamt auf Tabletts und ließ den Sannyasin laufen, dass die Sohlen Funken sprühten.

"Hast du mal Mara wieder gesehen?" fragte ich Richard, aber schon im gleichen Augenblick ging die quietschende Tür auf und da stand sie, Mara. Klein und zierlich, völlig in schwarze Klamotten gehüllt, als sei sie unter die Grufties gegangen und gaffte mich an wie ein Buschbaby, dem man mit einer hundert Watt Lampe in die Augen geleuchtet hatte.
Ich nickte ihr zu, bekam aber nicht mal einen stummen Gruß von ihr. Hinter ihr trat ein blonder Muskelmann ein und als sich Mara gleich wieder umdrehte, nachdem sie mich erblickt hatte, knallte sie gegen seinen Brustkorb. Der Typ glotzte nach unten zu Mara, fasste sie an die Schulter und ich sah, wie Mara irgendwas zu ihm sagte. Dann gaffte er auch noch zu mir hin, kniff die Augen zusammen und ich bekam langsam Angst, der Kerl wollte jetzt zu mir kommen und mich mal so richtig durch prügeln, weil ich Mara im Stich gelassen hatte. Obwohl ich sie nicht im Stich gelassen hatte. Ich wollte nur keine Familie oder eine enge, Beziehung zu einer Frau, na egal... es war bereits vergangen und vergessen, aber allem Anschein nach hegte Mara noch immer einen gewaltigen Hass gegen mich.

"Da ist sie doch!" sagte Richard nach einer kurzen Weile und zeigte mit dem Finger auf sie, doch sie drängelte sich an dem Muskelmann vorbei, der schlich ihr hinterher und raus waren sie.

"Ja, ja, hab´ich auch gesehen!" antwortete ich Richard, " aber die hat wohl keinen Bock auf so einen wie mich?"

"Na ja, die hat eure Geschichte ganz schön breit getreten hier. Ich glaube fast jeder weiß hier, was da zwischen euch gelaufen ist. Ist mir aber egal! Ich sage immer, es gibt zwei in einer Beziehung und somit nicht nur einen Schuldigen. Aber das mit der Abtreibung war ja auch wirklich nicht so pralle, was?"

"Nöö, sicher nicht. Aber ich war bei ihr, habe da Händchen gehalten und so."

"Ist klar!" sagte Richard und suchte den Inder oder was immer er war, außer Kellner.

"Und ich weiß auch ehrlich nicht, was ich da verbrochen haben sollte?" meinte ich.

" Ja, nichts. Was glaubst du wieviel Weiber denn schon eine Abtreibung hinter sich haben? Die soll sich mal nicht so anstellen! Ingrid hat zwei Mal abgetrieben und wir sind trotzdem noch zusammen, haben jetzt zehn Jahre auf dem Puckel!"

"Na klasse!" meinte ich etwas ironisch, weil ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte nochmals mit einer Frau zusammen zu sein, schon gar nicht über zehn Jahre, das kriege ich nur die Krise.

"Nee, echt! Das läuft gut zwischen uns!" redete Richard weiter, "Ingrid und ich wollen einfach keine Kinder, diese "Aletesäcke", diese unbeholfenen Winzlinge machen einen doch nur das Leben zu Hölle, ständig..."

"Ist gut Richard!" sagte ich, " ich will auch keine Kinder. Bis die groß sind kannst du nur malochen, um Verantwortung zu zeigen und deine gesamten Ambitionen auf Eis legen. Brauch´ich nicht!"

Wenn es um Kinder ging war man bei Richard immer an der richtigen Adresse, wenn man sich überzeugen lassen wollte, dass diese Halblinge die absolute Fehlkonstruktion waren. Jedes verdammte Tier, sagte er, kommt auf die Welt und ist schon beinahe ausgewachsen, nur die Menschenkinder brauchen Jahrhunderte bis sie mal allein auf´s Klo gehen können. Ich hatte aber keine Lust auf solche Diskussionen mit ihm und rutschte vom Stuhl runter.

"Ich geh´mal zu Anna, nach hinten, ja?"

"Ja, ja! Mach´man!" sagte er und grummelte sich irgendwas in den Bart. Ich verstand ihn aber nicht, weil ich bereits neben Anna stand und sie beobachtete wie sie einen Topf Suppe erhitzte, wie sie kleine Baguette-Brötchen aufbackte, mit Salat, Käse und Salami belegte und das alles recht flugs. Dann läutete sie ihre kleine Glocke, die oben auf einem fettigen Regal lag und schrie nach draußen, dass Tisch sowieso fertig sei.

"Ich hab´echt kaum Zeit!" sagte sie und war schon wiede dabei irgendein Brötchen aufzuschneiden und in den Backofen zu schieben.

"Ich habe keine Lust da draußen zu sitzen!" meinte ich, " ist mir zuviel Trubel eben. Kann ich nicht einfach hier bleiben? Wir brauchen ja gar nicht reden! Ich setz´mich da hin!" Ich zeigte auf einen Schemel, der an einer Wand stand, " und dann glotze ich einfach nur auf deine grünen Beine, wie die hin und her flitzten, ja?"

"Okay!" antwortete sie und lächelte, "aber nicht nerven!"




...



Montag, 16. November 2009

148_ Die Plath´sche Glocke 18!



"Hey Anna!" sagte ich, als sie am Telefon war, "hier ist Max!"

"Hey! Dass du dich mal wieder meldest? Was war denn mit dir los? Ich habe dich ja Wochen nicht mehr gesehen?"

"Ich war unterwegs!" log ich, weil ich ihr nichts vom Klinikaufenthalt sagen wollte; nicht aus Scham, sondern weil es sie nichts anging und weil ich außerdem keine Lust auf irgendwelche Debatten mit Frauen über meine seelische Konstitution hatte.

"Hast du Zeit heute abend!" fragte ich gleich und hoffte auf Abwechslung in meinem langweiligen Leben.

"Ich bin im Cafe, heute abend. Komm´ doch vorbei. Also bis Schichtende arbeite ich hinten in der Küche. Wir können ja hinterher noch was trinken gehen."

"Toll!" meinte ich und wir verabredeten uns den Abend.

Ich haute mich auf mein Bett und stellte wie immer die Glotze an, zappte mich durch die Programme und wartete, dass die Zeit vergehen würde. Zu was anderem hatte ich keine Lust und war auch nicht fähig dazu. Weder konnte ich großartig was daher zeichnen, noch auf meinem Bass spielen, der mich mit seinem überlangen Hals anstarrte wie ein Alien. Draußen wurde es dunkel und ich latschte durch die Wohnung, ziellos. Die Glotze flimmerte ihr Blabla und ab und an blieb ich am Fenster stehen und blickte auf die Straße unter mir. Eigentlich, dachte ich, hatte sich nichts getan. Auch nach so einem Klinikbesuch kam man als Normalsterblicher zurück, war nicht in einen Adelsstand erhoben, hatte keine Schätze von unterwegs mitgebracht und auch sonst war man der Alte geblieben, nur vielleicht war man noch kritischer gegenüber dem Gesamtschlamssel da draußen geworden.
Die Autos fuhren mit ihrem JummJumm durch die Straßen. Die Menschen kauften und kauften und hetzten nach wie vor vor meinem Fenster auf und ab. Der Wind blies. Die Wolken flitzten durch den Himmel und alles war nur etwas älter und verfallener geworden, wie ich!
Gegen zehn Uhr stellte ich endlich den Fernseher aus, zog mir eine Jacke über und ging durch die Stadt zum Cafe hin. Ich konnte mir schon da die Blicke der Leute vorstellen, wie sie mich angaffen würden, als hinge mir ein Schild um den Hals: DIESEM TYPEN HIER BESONDERS AUF DIE NERVEN GEHEN. ER HÄLT SICH FÜR WAS BESSERES!
Als ich die Tür öffnete und ins Cafe trat, stand Anna am Tresen und ihr kleiner Hintern ragte dabei in die Luft. An den Tischen saßen die üblichen Verdächtigen und quatschten ihr Einerlei. Alle gafften natürlich auf mich; einige hoben zum Gruß die Hand und andere winkten sogar, ich solle mal an ihren Tisch kommen. Ich ignorierte sie und ging auf Anna zu. Sie trug wieder mal eines ihrer selbstgeschneiderten Kleidchen und sah ganz bezaubernd aus. Die Haare hennarot, die Augen geschminkt, die Beine in ulkige grüne Strümpfe gesteckt.

"Mensch Max!" begrüßte sie mich, " du siehst ja aus wie ´ne Leiche!"

Dann umarmte sie mich und drückte mir ihre Lippen auf die rechte Wange. Mich überlief sofort ein Schauer.

"Na!" sagte ich kurz und bestellte mir ein Bier.



Freitag, 6. November 2009

147_ Die Plath´sche Glocke 17!

Zurück blickend kann ich gar nicht mehr sagen, was denn nun der Klinikaufenthalt für meine seelische Verfassung getan oder nicht getan hatte. Ich sprach über meine Kindheit, meine Jugend, meine Zeit als Heranwachsender und entdeckte gemeinsam mit einem Psychologen eigentlich nur, dass die bisher vergangene Zeit, bis jetzt, ein einziger Kampf für mich gewesen war, meine Unsicherheit in den Griff zu bekommen, was aber nie wirklich möglich war, weil mir nichts und niemand Sicherheit geben konnte. Hinzu kamen Zweifel an meiner Person, die so gravierend waren, dass ich nicht mehr wusste, wer ich war und was ich überhaupt hier sollte. Alles in allem also Schöne Aussichten, die eine Zukunft eher düster malten.

Nach zwei Monaten in der Anstalt bewegte ich mich relativ frei und gelassen zwischen all den Hirnis und Aufpassern. Ich machte wie gehabt meine Entspannungsübungen, malte fleißig irgendwelche Bildchen, die hinterher analysiert und interpretiert wurden, ich quakte in der Gruppe über meine Belange, die, verglichen mit den anderen, aber einen ebenso großen Stellenwert bekommen hatten. Nachmittags hockte ich im Apartment, dudelte auf der Gitarre und dachte an Rosa, die mich auf einen heiklen Weg geschickt hatte, einen Weg voller Fragezeichen. Sobald ich angefangen hatte mal richtig nachzudenken, kam eigentlich nur eines ans Tageslicht, dass niemand, kein einziger Mensch auf dieser gesamten runden Kugel von irgendetwas irgendeine Ahnung hat. Keiner kann dir tatsächlich sagen, was das hier denn alles soll, aber alle haben sie ihre dämlichen Ratschläge parat, die dich nur noch mehr zweifeln lassen. Das, wenigstens, hatte ich begriffen.
Jedenfalls sollte ich nach zwei Monaten einen Urlaub antreten, eigentlich war es mehr ein Test, ob ich in der "Freiheit" wieder funktionieren würde; ich sollte nach hause fahren, für ein Wochenende und mich am Sonntagabend zurück melden für den letzten bevorstehenden Monat.
Also packte ich Freitags am Abend eine Tasche zusammen und fuhr mit dem Zug in meine Heimatstadt. Zuerst wusste ich nicht recht, wohin ich gehen sollte, besuchte dann aber erstmal meine Eltern. Schon als ich an der Tür stand und meine Mutter mir öffnete, ging das Geheule ihrerseits wieder los.

"Ach, mein Junge? Wie geht es dir? Hast du Hunger? Komm´ rein!" sagte sie und ging voraus. Eigentlich wollte ich sie umarmen, aber ich hatte begriffen, dass meine Mutter nicht eben die offenherzige Frau war und ließ sie voran gehen. Anscheinend fiel ihr nicht groß auf, dass es keine körperliche Umaarmung gegeben hatte. Ich hängte meine Jacke an die Garderobe und fragte:
"Ist er auch da?"
Mir "er" meinte ich natürlich meinen Vater. Er saß im Wohnzimmer und glotzte wie immer in die Röhre, den Sportsender in einer elenden Lautstärke. Auch er begrüßte mich nicht gerade herzlich, stand nicht mal auf, sondern griff zur Fernbedienung und machte noch lauter, als wollte er meinen Scheiß nicht hören, wobei ich noch nicht mal vorgehabt hatte ihm irgendwas von meinem Aufenthalt zu erzählen, Er konnte ganz beruhigt seine Sportsendung schauen. Bis auf ein kurzes "Wie geht´ s?" kam auch sonst nicht viel.
Wir saßen dann am Tisch und aßen etwas zusammen, redeten nicht viel, nur über die Zukunft und was ich denn nun machen wollte.
"Vielleicht gehe ich weg!" meinte ich, " also in eine andere Stadt!"

"Und wohin?" fragte mein Alter und stopfte sich den Mund mit Schmalzbrot voll.

"Wahrscheinlich Berlin!" sagte ich.
"Einfach so? Du brauchst doch ´ne Wohnug, einen Job. Von was willst du das denn bezahlen?"

"Ich finde schon was! Aber ich muss hier raus. Ich kann die ganzen Leute nicht mehr sehen. Die Musik geht mir auf die Nerven. Alle reden immer nur von Erfolg und Berühmtheit. Mich kotzt das an!"

"Kann ich verstehen!" sagte er, " aber die haben wenigstens Ehrgeiz, die legen sich ins Zeug; du... du hast doch noch nichts geleistet!"

"Nichts geleistet?" fragte ich mit etwas lauterer Stimme, " ich arbeite seit meinem 14. Lebensjahr, habe eine abgeschlossene Ausbildung, habe zwei Jahre in einem Drei-Schichten- Betrieb malocht, morgens, mittags, abends; ich habe etliche Jobs gemacht, auf dem Bau, sonst wo und dann habe ich meinen Realschulabschluß nachgemacht und mein Abitur. Willst du mir sagen, ich habe noch nichts geleistet mit meinen fünfundzwanzig Jahren?"

"Reg´ dich doch nicht auf. So habe ich es nicht gemeint. Ich meinte, du hast noch nichts erreicht mit deinem ganzen Kram. Was bringt dir denn das Abitur? Du weisst doch gar nicht, was du studieren willst? Wozu das alles? Ich meine, du musst mal etwas auf die Beine stellen...!"

"So wie du, was?" fragte ich, " Als Kraftfahrer umher kutschieren und ansonsten
rumbrüllen? Was ist denn das?"

"Du hast doch keine Ahnung!" prahlte er.

"Sicher, sicher, aber du, was?"

"Ich will jetzt die Sportschau kucken, also bitte!"

Er stand auf vom Tisch, schmiss sein Messer hin und trabte ins Wohnzimmer zu seiner geliebten Glotze, der alte Sack, der wollte mir sagen, ich habe nichts geleistet? Ich hätte ihm in diesem Moment gern eins in die Fresse gegeben, traute mich aber nicht. Erstmal war ich überhaupt kein Schläger und außerdem war mein alter Herr mal Mittelgewichtsmeister im Boxen gewesen. Der hätte mich damals mit einem Hieb umgehauen.
Früher, als ich etwa acht Jahre alt war, nahm er mich immer mit zum Training und Boxtraining ist mit das Schlauchenste was es so gibt: Springseil für die Kondition, Sandsack boxen, Liegestützen usw. Ich konnte hinterher immer nie meine Arme bewegen, ich kleiner Bursche. Aber gesagt hatte ich nie etwas, schließlich ist der Vater so was wie ein Vorbild, der zeigt einem das Leben und die Welt, denkt man. Ich dachte, wie immer, das müsste alles so sein; ich gehorchte.

Nach dem Essen verabschiedete ich mich von meiner Mutter, rief irgendwas ins Wohnzimmer und machte, dass ich da wegkam. Ich fuhr dann in meine Bude, wo es erbärmlich stank, dass ich alle Fenster aufreißen musste, die letzten zwei Monate hatte niemand nach meiner Wohnung geschaut, geschweige denn mal gelüftet. Dann hockte ich mich ans Telefon und rief Anna an, die Kleine aus dem Cafe, diesen Paradiesvogel mit ihren bunten Klamotten, vielleicht würde die mich ja etwas aufheitern können, wenn sie überhaupt Zeit für mich hatte?



...

Montag, 2. November 2009

146_ Die Plath´sche Glocke 16!


Wir gingen also runter in die Stadt und suchten nach einer kleinen Kneipe, um ein oder zwei Bierchen zu trinken. Die Stadt lag mitten in den Vorläufern des Harzes und von der Klinik aus konnte man bei gutem Wetter fast bis zum Brocken blicken, dieses Bergchen im anderen Teil der Republik. Die Wege nach unten in die Stadt waren deshalb teilweise recht steil und als Fußgänger musste man dementsprechend aufpassen nicht auf die Fresse zu fallen. Besoffen wollte ich die wege wahrlich nicht abgehen und nahm mir vor höchstens zwei Biere zu trinken.
Wir fanden eine Kneipe, die das typische Ambiente einer konservativen Arbeiterkleinstadt ausstrahlte. Die Wände waren mit Holz getäfelt, auf den Tischen lagen häßliche bunte Decken, dazwischen gab es die übergroßen Aschenbecher und einen Plastikaufsteller mit Bierdeckeln darin.

"Da drüben!" sagte der Beamte und zeigte rechts vom Eingang zu einem freien Tisch hinüber.

"Wollen wir uns lieber an die Theke setzen?" fragte ich und sah mich um.

"Nee, keine Lust zwischen den Bauerntrampeln zu sitzen!"

"Haste auch wieder recht!"

Also nahmen wir den freien Tisch, hockten uns auf eine Bank am Fenster, das mit dicken Stoffgardinen zugehängt war und die ekelhaft stanken, platz. Wir warteten auf eine Bedienung oder ähnliches und derweil blickte ich nochmals in die Runde und besah mir die Gestalten vor ihren Biergläsern. An der Theke saßen vier Typen mit hängenden Schultern vor jeweils einem halbvollen Glas Bier und gellerten Korngläsern. Niemand sagte etwas. Aus einem Musikautomaten schredderten die FLIPPERS ihre Gitarrensaiten zu Brei und trällerten von irgendwelchen Weibern in Griechenland oder sonstwo und das der Kerl ja gern geblieben wäre, aber er nun Abschied nehmen müsste... zum kotzen diese Mucke. Hinter der Theke stand ein baumhoher Kerl mit Lederweste, also auch das typische Outfit für einen Kneipenbesitzer am Ende der Welt und passend zu seiner Einrichtung. Ich fragte mich, was ich hier verloren hätte und schaute dann zum Beamten hinüber, der sich sichtlich entspannt hatte und seine Manie wohl im Griff hatte, jedenfalls versuchte er nicht Ordnung auf dem Tisch zumachen, sondern blickte nur suchend auf jemanden, dem er endlich seine Bestellung entgegen posaunen konnte.
Als sich niemand rührte, rief er zum Wirt hinüber, ob wir denn zwei große Pils haben könnten. Der Wirt nickte und zapfte stumm die Biere.

"Großer Gott!" fing ich an, " hier kriegste ja erst recht Depressionen. Kuck dir nur diese Hänger an; alle ausgelaugt, ausgebrannt und abgestorben. So verbringen die ihre Abende und wahrscheinlich auch ihren Lebensabend, oder?"

"Ich kann mir auch was besseres vorstellen, also jeden Abend in der Kneipe zu sitzen!" meinte der Beamte.

"Und dann diese Mucke?"

"Naja, die geht ja noch. Sind die FLIPPERS; glaube ich, oder?"

"Keine Ahung! Ich kriege Bauchschmerzen, wenn ich sowas höre."

"Wollen wir woanders hingehen?" fragte der Beamte.

"Nee, nee, egal!"

Die Biere kamen und der Wirt griff zu den Deckeln im Plastikständer, zückte zwei Deckel heraus, schmiss sie vor uns hin und stellte seine Gläser ab.

"Prost!" sagte er und drehte sich wieder um.

Wir prosteten uns zu und der Beamte verriet mir dann auch endlich seinen Namen, Heinz. Klar, dachte ich, wie auch sonst. Heinz hießen sie alle, die Arbeiter aus der Mittelklasse, manche Karl Heinz mit oder ohne Bindestrich; aber durchweg Heinz; eine Welt voller Heinzens. Ich erinnerte mich an die Gärtnerei, an Karin, an Richard, an den Typen vom Winterdienst, der seit Jahren mitten in der Nacht seinen LKW fuhr und dann kamen Erinnerungen an MARA hoch, die ich aber schleunigst verdrängte, weil ich keine Lust hatte mir vor Heinz die Blöße zu geben und vielleicht noch zu flennen. >Ich nippte an meinem Bier und wartete.
Plötzlich fing Heinz dann leise an zu quatschen und meinte:
"Weißt du? Ich war nicht immer so launisch und ekelhaft..." , er machte eine Pause und suchte wohl nach Worten, " ich wollte eigentlich zur See fahren, auf einem Schiff anheuern und die Welt auf dem Meer befahren, aber meine Mutter ließ mich nicht. Ihrer Meinung nach sollte ich einen ordentlichen Beruf erlernen und meine Flausen im Kopf vergessen."

"Zur See fahren?" fragte ich ungläubig.

"Ja, klar! Glaubst du vielleicht, ich wollte jemals so einen idiotischen Beamtenjob ausüben, wo man den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt und irgendwelche Formulare ausfüllt, Stempelkarussels dreht und diese Zettelwirtschaft auch noch in Leitzordner abheftet... ?"
Wieder machte er eine Pause und trank einen großen Schluck aus seinem Bierglas.
"Ich arbeitete in einer Versicherungsanstalt und hatte mit so Anträgen für irgendwelche Bezahlungen zu tun. Entscheidungen traf ich kaum, ich war nicht für eine Antragsbewilligung zuständig, sondern kontrollierte nur die Vollständigkeit der einzelnen Anträge. Jeden Tag blätterte ich die Zettel nur durch, ob die Anlagen J und P3 und die Anlage T-78-O5 vorhanden, sämtliche Blätter ordentlich unterschrieben waren, ob eventuell Unterlagen fehlten zur endgültigen Entscheidung über die Anträge und so weiter. Wer sich das nur alles ausgedacht hatte, musste schon einen Dachschaden haben."

"Sehe ich auch so!" antwortete ich und bestellte noch zwei großer Biere.

"Abends komme ich nach hause zu meiner Frau, die sich seit unserer Hochzeit gewaltig verändert hat und mich kaum noch registriert. Neuerdings macht sie Entspannungübungen und Yoga, geht auf Veranstaltungen für Ernährungsberatung. Ich kriege nur noch Reformkost und Körnerfressen, das meinen schlechten Zähnen gar nicht bekommt. Wenn ich mal anfange ein Gespräch mit ihr führen zu wollen, blockt sie immer ab und meint, sie hätte jetzt keine Zeit, immer hat sie was zu tun und Sex gibt es schon seit Jahren nicht mehr, was mich nicht sonderlich stört, da ich jedes sexuelle Interesse an ihr verloren habe... ich frage mich aber, was das noch soll? Dieser Job? Diese Frau? Dieses Leben? Warum haue ich nicht einfach ab? Man sagt doch, es ist nie zu spät irgendwas zu ändern, oder?"

"Sicher!" antwortete ich, " ist nur schwer uas so einem Teufelskreis heraus zu kommen,"

"Wenn man sowas nur vorher gewusst hätte, ich meine, dass mit der Frau und mit dem Job, da hätte ich doch nie geheiratet oder auf eine Stelle als Versicherungsangestellter hin beworben. Aber man weiß es nie vorher..."

"Und nun?" wollte ich wissen.

"Jetzt haben die über meinen Kopf hinweg entschieden, mich in einen Zwangsurlaub zu schicken, also die bei der Versicherung, weil ich angeblich zu häufig komische Dinge tat, so Selbstgespräche und dieses "Dinge verschieben"... ich kann es nun mal nicht ertragen, wenn auf meinem Schreibtisch Chaos herrscht, alles braucht seinen ordentlichen Platz, oder nicht?"

"Kann sein, ja! Aber wenn das zur Manie wird, wird´s kompliziert. Ich meine, dann könnte man ja ständig an den Gegenständen herum rücken; hier zum Beispiel: der Aschenbecher, steht der genau in der Mitte des Tisches? Oder die Decke, liegt sie so auf dem Tisch, dass alle vier Ecken gleich lang nach unten hängen, verstehst du?"

"Ja, ja! Ich verstehe. Ich bin auch schon soweit, dass ich fast überall nach meinen Kriterien aufräumen muss, selbst zu hause, was natürlich immer einen Streit mit meiner Frau hervor ruft, ist mir aber egal. Ich brauche das eben. Ich brauche das, um nicht völlig aus dem Ruder zu laufen!"

"Und deine Frau? Ich meine, sie hat zu gestimmt, dass man dich da oben einliefert?"

"Ja, sicher, sie ist wahrscheinlich auch froh, dass sie mich jetzt los ist, dann kann sie ihre blödes Reformkostfressen kochen und von morgens bis abends ihr Yoga machen!"

"Aber ich verstehe nicht, wie man das über deinen Kopf hinweg entscheiden konnte; so blöde bist du doch nun auch nicht!"

"Na ja, ich bin irgendwann im Schlafanzug in der Firma erschienen, hab es selbst gar nicht bemerkt; alle Leute glotzten nur doof und schließlich hat man meine Frau angerufen, sie in ihren Yogaübungen unterbrochen; die kam dann gleich ins Büro und redete mit dem Chef, dann rief man einen Krankenwagen und verfrachtete mich erstmal in ein Krankenhaus. Dort wurde ich untersucht und der behandelnde Arzt sprach wieder nur mit meiner Frau und sagte ihr wohl, dass ich in psychiatrischer Behandlung gehöre. Die Firma beurlaubte mich, der Arzt besorgte einen Platz in der Neurologischen Anstalt und ich wurde mit dem Krankenwagen hierher gebracht. Keiner hatte nach meiner Meinung gefragt."

"Und jetzt? Du könntest doch einfach gehen, oder nicht?"

"Klar! Aber jetzt will ich nicht mehr. Ich bin froh, meinem Job und auch meine Frau für eine Zeit lang los zu sein. Zwar gehen mir alle Insassen der Anstalt auf die Nerven, aber jetzt im Apartment ist es einigermaßen erträglich geworden. Wahrscheinlich werde ich irgendwann einfach abhauen, meine Sachen packen und verschwinden."

"Wohin?"

"Mal sehen! Vielleicht löse ich mein Konto auf; ich habe einiges gespart; dann mache ich mich aus dem Staub."

"Tja, warum eigentlich nicht! Es ist nie zu spät!"

Ich war leicht angeschlagen, der Alkohol stieg doch schneller zu Kopf, als vermutet und ich trank mein zweites Bier nicht aus. Heinz goss sich den Rest aus meinem Glas hinunter und dann stand er auf, um die zu bezahlen.

"Ich übernahme das!" sagte er und ließ keine Wiederrede zu. Ich nickte nur und wartete am Ausgang auf ihn. Auf dem Weg zurück in die Klinik blieben wir still, keiner hatte Lust noch viel zu sagen und ich dachte über Heinz`Geschichte nach. Da war mal wieder so ein demolierter Kerl, der sich zuerst durch eine völlig stupide Arbeit und dann noch von einer Frau hatte terrorisieren lassen, so lange bis er zusammen gebrochen war und verblödet in sein Büro gestiefelt kam, im Schlafanzug. Ich stellte mir die Situation vor und musste lachen.
"Was hast du?" fragte Heinz, als wir vor der Türe zur Klilnik standen.

"Ich stelle mir eben vor wie du im Schlafanzug in dieser akkuraten Versicherungsanstalt aufgetaucht bist, so mit strubbeligen Haaren und heraus hängendem Geschlechtsteil, hahaha..."
Heinz grinste über beide Backen und stiess die Tür auf. Am Empfang saß eine dicke Krankenschwester mit übertrieben geschmicktem Gesicht und schaute auf uns zwei, als seien wir Verrückte. Sie schüttelte ihren schweren Kopf und legte einen Finger an den geschlossenen Mund, wir sollten ruhig sein.
Heinz und ich gackerten und grinsten, weil wir wohl etwas betrunken waren, wegen der Schlafanzug-Aktion und weil wir tatsächlich verrückt waren.








...



Freitag, 30. Oktober 2009

145_ Die Plath´sche Glocke 15!



Ich glotzte den Beamten sturr an und fragte ihn dann, was er denn nun wieder damit meinte. Er ging einen Schritt zurück, grub sich die Hände, die er zu Fäusten geballt hatte, in die Hüften und sagte:

"Du kannst mir gar nichts!"

"Ich will dir ja auch nichts!" antwortete ich und beugte mich nach vorn, um mich auf meine Knie zu stützen. Diese Situation hatte schon fast etwas Lächerliches an sich und der Beamte benahm sich, als hätte ich ihn angegriffen und nicht umgekehrt.

"Was machst du überhaupt hier? Hockst da rum und grinst mich an! Denkst wohl ich hätte sie nicht mehr alle, was? Ich weiß schon ganz genau, wie ihr alle über mich herzieht, als sei ich der völlige Idiot. Aber, glaub´mir, ich habe hier nichts verloren. Ich habe mit euch nichts gemein. Und dass man mich hier reingesteckt hat, habe ich ganz allein meiner dämlichen Alten zu verdanken, die hat das veranlasst; dabei sollte sie hier zwischen euch sein, nicht ich!"

"Ich weiß gar nicht, was du hast!" meinte ich, "du führst dich auf, als wäre ich an deiner Lage Schuld. Bin ich deine Frau? Außerdem interessiert es mich nicht die Bohne, wer oder was daran Schuld ist, dass du hier bist. Von mir aus kannst du tun und lassen, was du willst, aber laß`mich zufrieden, ja?"

"Aber du bist es doch der sich die ganze Zeit über mich lustig macht, oder etwa nicht? Wenn ihr da beisammen sitzt in eurem verpafften Aufenthaltsraum, zwischen eurem Dreck und Gestank, prahlst du doch nur über mich rum!"

"Du spinnst ja völlig!"

"Schon wieder! Ich lasse das nicht zu, dass du mich für blöde hinstellst. Die ganzen Idioten glauben, dass ich dämlich sei, bin ich aber nicht; und du stachelst sie ewig an!"

"Ich glaube, du leidest ganz extrem unter Paranoia, oder was? Ich stachele die anderen an? Wie denn? Was tue ich denn? Guck´dich doch mal an! Du sitzt da allein an deinem Tisch, schiebst ständig die Dinge hin und her, glotzt immer zu uns herüber, stehst auf, setzt dich hin, stehst auf... was willst du? Glaubst du denn tatsächlich, du bist hier fehl am Platz bist? Es wird schon seinen Grund haben, dass du hier bist, wie es für uns alle einen Grund gibt, dass wir hier sind. Hör`gefälligst auf, andere für deine beschissene Lage verantwortlich zu machen."

Er ging Schritt um Schritt zurück und plumpste dann auf sein Bett. Dann fiel sein Kopf nach vorn und schließlich sein gesamter Körper auf den Boden. Er fiel wie ein nasser Sack auf den Teppich und blieb erstmal liegen.
Ich fragte mich, was ich tun sollte, ob ich jemanden zu Hilfe holen sollte oder diesen Beamtenschreck einfach da auf dem Boden verkümmern lassen sollte. Ich stand auf, ging zu ihm hinüber, tippte ihn vorsichtig an die Schulter, rüttelte dann heftiger und als er sich nicht rührte, bekam ich doch Schiß. Wenn ihm nun das Herzelein stehen geblieben war? Oder er aufhören sollte zu atmen? Ich beugte mich etwas vor und lauschte auf regelmäßige Atmenzüge. Er lebte noch, war aber irgendwie weg getreten.

"Ey!" rief ich ihn an, "steh´auf und mach´hier nicht den Mitleidserreger, ja?"
Wieder tippte ich ihn an und er hob zu meinem Glück seinen Kopf, starrte mich entsetzt an und ließ den dicken Schädel wieder zu Boden fallen.

"Ey!" rief ich lauter, " komm`hoch, ja? Ich habe keine Lust auf so eine Show. Ich denke, du bist völlig normal? Was soll denn das hier? Kriegt der harte Kerl jetzt seine Krise, oder was?"

Er rührte sich noch immer nicht. Langsam wurde mir die Sache zu blöd und ich griff nach meinen Zigaretten, kramte mir eine Zeitung hervor und ging hinüber ins andere Gebäude in den Aufenthaltsraum. Als ich dort eintraf tat ich ganz cool und erwähnte mit keinem Wort den Beamten, der nun in meinem Apartment stumm und steif wie ein Toter lag. Sollte der doch versauern, verkümmern oder nie wieder aufstehen, wen schert das schon? Vielleicht konnte man ihm eine Lektion erteilen, dass er zur Besinnung kam; dass er endlich begriff wie verrückt er ist.
Schon nach einer kleinen Weile bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich stand ohne ein Wort auf und einige Augenpaare glotzten mir seltsam hinterher. Ich rannte fast hinüber zum Apartment, riss dann dort die Tür auf und starrte auf den Kerl, der mittlerweile auf seinem Bett hockte und heulte wie ein kleiner Junge.

"Alles klar?" fragte ich ihn und ging auf ihn zu, griff an seine Schulter und beugte ihn etwas nach hinten, um in sein Gesicht sehen zu können.

"Das bleibt unter uns!" jammerte er.

"Sicher!" antwortete ich, " ich habe keinen Grund das irgend jemanden zu erzählen, warum auch?"

"Okay!" sagte er und schniefte sich den Rotz hoch, "ich brauch` jetzt frische Luft, hast du Lust mit zu kommen?"

"Nicht unbedingt!" sagte ich; ich wartete auf´s Abendessen, hatte Hunger und wollte eigentlich lieber für mich sein, willigte aber doch ein und begleitete ihn hinaus in den Park.

Wir latschten gemächlich unter den Bäumen herum, blickten auf unsere Füße und niemand sagte etwas. Ich verstand noch immer nicht, warum der Kerl mich für einen Teufel oder was hielt oder gehalten hatte. Etwas war an mir, was ihm Angst machte, etwas, das weder er noch ich erklären konnten, und diese Angst hatte schließlich dazu geführt, dass der Idiot mal endlich los gelassen hatte, mal endlich seine Steifheit aufgegeben hatte und sich wie ein Mensch benahm.
Der Park war nicht sonderlich groß und wir marschierten im Kreis um eingefasste Beete auf einem gepflasterten Weg entlang. Ich zählte die Steine ab und dachte, wie immer wenn ich Steine sah, an Richard, diesen Steinsetzer, diesen Hünen mit seiner ewig guten Laune, der den Mädels hinterher pfiff und mit mir um die Wette gepflastert hatte. Der würde jetzt sicher zu hause auf der Couch liegen, die Fernbedienung in der Hand, seine Frau brächte ihm ein Bier oder so was und er würde seinen Feierabend genießen. Allerdings dachte ich auch daran, dass Richard immer noch bei seinem Job war, immer noch auf den Knien herum kroch und Steine in den Sand klopfte, wie damals, als ich ihm mitgeholfen hatte. Wie man so eine Tätigkeit nur über Jahre hinweg ausführen konnte, war mir schleierhaft.
"Was ist los?" fragte mich plötzlich der Beamte und schaute mich von der Seite an.

"Ach, nichts! Ich habe eben an meine Jobs gedacht. Die Steine hier erinnerten mich an einen Job, den ich mal als junger Kerl hatte. Ich war auf dem Bau, habe Steine in den Sand gehämmert, Bier und Korn gesoffen und Skat gespielt."

"Aha!" machte der Beamte, " Und?"

"Nichts und! Ich frage mich, wie man so einen Job bloß vierzig oder mehr Jahre aushalten kann!"

Wir waren wieder am Eingang angekommen, schauten uns kurz an und gingen weiter auf eine neue Runde.

"Hast du Lust auf ein Bier?" fragte er mich plötzlich und grinste.

"Wie? Ein Bier? Wo denn?" fragte ich zurück.

"Na, unten in der Stadt. Ich gehe manchmal da hin, um zu essen, weil mir das Essen in dieser Anstalt nicht schmeckt. Diese ganze Suppe, die da zusammen gekocht wird, ist oft zu eklig."

"Eigentlich wollte ich keinen Alkohol trinken!" beteuerte ich ihm.

"Wir müssen uns ja nicht besaufen, oder? Nur ein, zwei Bier, zur Entspannung."

"Okay! Dann los!" sagte ich.





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